Berliner Ensemble für klassische türkische Musik e.V.

 

Ein Kommentar über das gemeinsame Konzert vom 12. November 2011 mit türkischem Chor

„Gemeinsam leben, gemeinsam singen“ – das war das Motto, unter dem zwei Berliner Chöre im Haus des Rundfunks am 12.November 2011 zusammen auftraten: der Berlin Klasik Türk Müziği Derneği (Berliner Ensemble für klassische türkische Musik e.V.) und der Konzertchor Friedenau. Anlass war natürlich jenes halbe Jahrhundert, seit dem die ersten Bürger der Türkei sich aufmachten, um im fremden Deutschland ihr Glück zu suchen – oder zumindest ein ökonomisches Auskommen zu finden. Die Initiative dazu war von (damals noch: West-) Deutschland ausgegangen: man brauchte billige Arbeitskräfte – und nannte sie „Gastarbeiter“, d.h. Arbeitskräfte, die nach der Berufsphase im Wirtschaftswunderland wieder zurück in die Türkei verschwinden würden. Aus den Gastarbeitern wurden dann bekanntlich deutsche Bürger.

Der musikalische Abend im gut besetzten Großen Sendesaal des RBB (er wurde teilweise im Radio übertragen) war – anders als das deutsch-türkische Zusammenleben, das ja oft genug ein Nebeneinander-her-leben ist – die reine Harmonie bzw. purer Genuss. Die beiden Chöre sangen einige türkische und einige deutsche Volkslieder gemeinsam – Liebeslieder zumeist: Yine bir gülnihal, Şarkımı Senin için yazdığımı Bilseydin bzw. Du, du liegst mir im Herzen, Ännchen von Tarau. Dass nicht nur der türkische Chor bei den Deutschen mitsang, sondern dass umgekehrt endlich auch mal ein deutscher Chor bei den Türken mitsang, und zwar türkische Lieder, und die auch noch in original türkischer Sprache, das war eine Ausnahme, die dem Publikum bestens gefiel: der Beifall wollte gar nicht enden.

Tatsächlich unterscheidet sich die klassische Chormusik der beiden Nationen erheblich voneinander. Die türkischen Stücke sind einstimmig, die deutschen in der Regel mehrstimmig. Die begleitenden Instrumente sind auch nicht dieselben: Die Istanbul Devlet Türk Müziği Topluluğu Sazendeleri (Instrumentalisten des Staatsorchesters Istanbul) spielten zwar auch Violoncello, Violine und Klarinette, darüber hinaus jedoch gab es eine Zither, mehrere Tamburine/Trommeln, und dann jene kleinbauchigen und lang-stegigen Saiteninstrumente, deren Namen ich noch nicht einmal weiß. Sehr rhythmisch, sehr lebendig. Unsere Lieder aus den Liebeslieder-Walzern von Johannes Brahms wurden per Piano begleitet.

In einer Pause sprach ich mit einem türkischen Chorsänger, und sofort rastete ein Stereotyp ein: bezogen auf die deutsche Mehrstimmigkeit meinte er, der Friedenauer Chor sei „disziplinierter“ als sein türkischer Chor. Dabei waren alle Einsätze – sowohl der türkischen ChorsängerInnen als auch der InstrumentalistInnen – ausgesprochen präzise. Die Türken singen anders als die Deutschen: bei langen Tönen bleiben sie nicht genau auf diesem Ton stehen, sondern surfen gewissermaßen um den Ton herum: mal einen halben Ton höher, mal einen viertel Ton tiefer. Dieses Singen-um-den-Ton-herum erfordert den Einsatz des ganzen Körpers: da wir hinter dem türkischen Chor postiert waren, konnten wir gut sehen, wie bei den entsprechenden Stellen Köpfe und Körper der Sänger mitwackelten. Imposant!

Bei vielen der türkischen Stücke trat ein Mitglied des Chores vorne an die Rampe und gab ein Solo. Auf meine Frage erklärte der Chorsänger, das seien keine ausgebildeten SängerInnen, sondern – wie alle anderen auch – Laiensänger. Was für ein Mut, vor einem so großen Publikum als Solist aufzutreten! Es gab denn auch jeweils einen Riesenapplaus.

Den Höhepunkt bildete der etwa anderthalbstündige Auftritt der Sängerin Seda Gökkadar-Gülbeyaz von Radio Istanbul. Auch sie sang klassische türkische Musik – aber offenbar ist die in der Türkei viel populärer als die klassische Musik in Deutschland. Jedenfalls ging das Publikum begeistert mit – teilweise den Rhythmus mitklatschend teilweise ganze Passagen mitsingend. Nach mehr als drei Stunden schließlich ging das Konzert zu Ende. Der Schlussapplaus bekräftigte den Haupteindruck des Abends: es würde sich lohnen, öfter derart gemeinsam türkische und deutsche Musik aufzuführen.

Kalle Lohmann


 

 

  

 

   

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